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Donnerstag, 26. Juni 2014

 Über die Alb

 26.06.2014 - 06:55 Uhr

Ausstellung - Geschichtsverein befasst sich mit den gemeinsamen Wurzeln von Bürgerwehr und Schützenverein
 

450 Jahre wehrhaftes Trochtelfingen

 Von Marion Schrade

TROCHTELFINGEN. Eine Einladung aus dem Jahr 1564 bringt Licht ins Dunkel der Geschichte.
In einem Brief lassen die »Schützenmeister und  Schießgesellen« der Stadt Trochtelfingen ihre Kameraden in Reutlingen  wissen, »daß wir uns fürgenommen haben, den 24. Septembris mit der Büchs kurzweilen und schießen zu lassen«.
Heute, 450 Jahre später, berufen  sich die beiden ältesten Trochtelfinger Vereine auf diese erste  urkundliche Erwähnung:
Die Bürgerwehr und der Schützenverein feiern im  Zuge des Stadtfests am kommenden Wochenende ihr Jubiläum.

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Der Schützenverein und die Bürgerwehr haben einen  gemeinsamen historischen Ursprung, wie die neue Ausstellung im 
Trochtelfinger Heimatmuseum zeigt.
Im Bild Oberschützenmeister Frank  Heinzelmann und Kommandant Heinz Schmid.
FOTO: Marion Schrade

Den runden Geburtstag hat auch der Geschichts- und Heimatverein zum  Anlass genommen, sich intensiv mit den Schießgesellschaften seiner Stadt zu befassen.
Viele Monate lang haben Ausstellungsmacher Bernhard  Klingenstein und seine Helfer Dokumente und Bilder gesichtet, sortiert  und schließlich im Museum am Hohen Turm ausgestellt, wo sie ab Sonntag,  29. Juni, von 11.30 Uhr an zu sehen sind.


 

 »... dass wir uns fürgenommen haben, mit der Büchs kurzweilen und schießen zu lassen «

 


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ass das Schießen vor 450 Jahren nicht nur »Kurzweil« war, sondern vor  allem auch eine Bürgerpflicht, haben die Recherchen des  Geschichtsvereins deutlich gemacht.
»Bereits im Mittelalter oblagen  Bewachung und Unterhalt der Befestigungsanlagen der Stadt den Bürgern«,  betont Klingenstein.
Berichte aus der Zeit vor 1564 liegen nicht vor,  ein Schriftstück von 1618 allerdings benennt die militärischen Pflichten der Einwohner:
Jeder Neubürger muss ein Gewehr besitzen, der Verkauf  ist bei schwerer Strafe untersagt.
In einer Schießordnung aus dem Jahr  1720 wird festgelegt, dass jeder Bürger vom 18. Lebensjahr an acht Jahre lang und in jedem Jahr mindestens an vier Tagen schießen muss.

Mitte des 18. Jahrhunderts - die Französische Revolution wirft ihre  Schatten bereits voraus - sind die bewaffneten Bürger den Landesherren  nicht mehr geheuer.
Pflicht- und Geselligkeitsschießen finden nur noch  vereinzelt statt.
Einen hohen Stellenwert hat offenbar aber das  Fronleichnamsfest, für das im Jahr 1785 genaue Anweisungen verfasst  werden.
Da steht beispielsweise, dass nur schießen solle, wer´s auch  könne - und vor allem »nicht hudeln, daß kein Fehler gescheh«.
Salven  und Böllerschüsse begleiten Segen und Prozession.

1830 kommt die Übungstätigkeit der Trochtelfinger Schützen  vorübergehend ganz zum Erliegen - bis eine Gruppe von Schützen im August 1842 den Antrag an die Stadt stellt, das alte Schießhaus (beim  Bräuhaus) zu verkaufen und ein neues an anderer Stelle zu bauen. Damit  ist der heutige Schützenverein geboren, das freiwillige, gesellige und  sportliche Schießen tritt an die Stelle der militärischen Bürgerpflicht.

Die repräsentative Aufgabe der Schützengarden aber geht damit verloren, die alten Vorderladergewehre werden auf dem Dachboden des Schlosses in  zwei Schränken verstaut - und entgehen so schließlich auch der  Beschlagnahmung durch die französischen Besatzer. Anfang der 50er-Jahre  werden sie wieder entdeckt und zunächst an die Hechinger Bürgergarde  verliehen. Die Trochtelfinger kommen auf den Geschmack, borgen sich 1957 ihrerseits Uniformen aus Hechingen und marschieren bei einem Umzug in  Sigmaringen mit.

Ende desselben Jahres beschließen sie, selbst eine Bürgerwehr nach  historischem Vorbild zu gründen.
Ein Gemälde aus dem Jahr 1684, das nun  auch im Heimatmuseum hängt, dient als Vorlage:

»Die Uniform ist der des  Mannes auf dem Bild nachempfunden«, sagt Bernhard Klingenstein. Derzeit  tragen sie 39 aktive Kameraden, wie Heinz Schmid, Kommandant der  Bürgerwehr, berichtet.
»Das Durchschnittsalter liegt bei 52 Jahren«, so  Schmid, der seit 1968 dabei ist.
Die Vereinsstatuten greifen alte  Traditionen auf:
Wer der Bürgerwehr angehören will, muss aus der  Kernstadt Trochtelfingen stammen, mindestens 18 Jahre alt und männlich  sein.
»Damen werden bis heute nicht aufgenommen«, sagt Schmid.
Auch wenn das bei anderen Garden inzwischen anders sei.

Wie beim Militär gibt es Rangordnungen.
Der Dienstgrad ist, wie die  Ausstellung im Heimatmuseum anhand von Fotos veranschaulicht, an Details zu erkennen.
Brustschild und Koppel sind dem Kommandanten und dem  Oberleutnant vorbehalten, die einfachen Soldaten tragen Degen, Pulvertasche - und die Perkussionsgewehre mit aufgepflanztem Bajonett,  um die sie andere Garden beneiden:
»Wir sind die Einzigen im  Landesverband, die so alte Originalwaffen haben«, sagt Heinz Schmid.

Nicht ansatzweise so geschichtsträchtig, dafür aber deutlich leichter  zu handhaben und zielgenauer sind die Waffen, die beim Schützenverein  zum Einsatz kommen:
113 Mitglieder zählt der Verein, rund 25 davon  nehmen an Wettkämpfen in verschiedenen Disziplinen teil.
Neben  Luftgewehr, Kleinkaliber und Luftpistole kann man in Trochtelfingen seit 2013 auch Bogen schießen.

Nach seiner Neugründung im Jahr 1844 durchlebte der Schützenverein mit  seinen Mitgliedern bewegte Zeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg  untersagten die Alliierten den Schießsport in Deutschland, erst ab 1962  konnten auch die Trochtelfinger Schützen ihre Aktivitäten wieder in  geordnete Bahnen lenken. Das alte Schützenhaus bei der »Rose« allerdings war nach dem Krieg zu Wohnzwecken umgenutzt worden. Und die in den  1950er-Jahren gebaute Umgehungsstraße B 312 führte mitten durch die  ehemalige Schießbahn.

Von 1964 bis 1967 baute der Verein deshalb ein neues Schützenhaus »auf  Ruckbein«, das bis heute Übungsstätte und Treffpunkt für gesellige  Stunden ist.
»In den Jahren gab es immer wieder Behelfslösungen, Schießübungen fanden zum Beispiel im Saal des Gasthauses Rössle statt«,  berichtet Oberschützenmeister Frank Heinzelmann.

Auch Bernhard Klingenstein ist bei seinen Recherchen auf so manche  Besonderheit gestoßen.
Vor allem die Protokoll-Bücher, die der  Schützenverein von 1844 an akribisch führte, seien eine echte  »Kostbarkeit«: »So etwas fehlt bei vielen Vereinen«, sagt Klingenstein.

 

 »Die Uniform ist der eines Mannes auf einem Bild von 1684 nachempfunden«

 


Die Sorgfalt der Chronisten ging so weit, dass sogar Listen von  Preisschießen abgeheftet wurden - und heute Aufschluss über frühere  Lebensgewohnheiten geben.
Während moderne Vereinsschützen vor allem um  die Ehre und symbolische Preise wetteifern, ging es damals durchaus um  Sachwerte:
Bis etwa zum Ersten Weltkrieg, so Klingenstein, sind  »Fleisch-Schießen« dokumentiert.
Die Stücke - von Schwein, Rind, aber  auch Wild - wurden unter den besten Schützen verteilt, die sich über ein üppiges Festessen freuten.

Eine Anekdote aus jüngerer Zeit hat Kommandant Heinz Schmid parat.
Dass die große Kanone der Bürgerwehr den Namen »Theres« trägt, wissen die  meisten Trochtelfinger.
Wie es dazu kam, ist allerdings eine ganz eigene Geschichte.
1977 reiste die Bürgerwehr mit der Stadtkapelle in die USA:
In St. Louis nahmen die beiden Vereine an einem Straßenfest teil.
Bei  dieser Gelegenheit kehrten die Trochtelfinger in einer Wirtschaft ein,  die von einer Bayerin betrieben wurde. Ihr Name - logisch - war Theres.

Ob´s ihre Körperfülle war, die die Wirtin zur Namenspatronin für das  schwere Geschütz machte ? Ihr explosives Temperament ? Oder gar ihr  donnerndes Lachen ?
Heinz Schmid zuckt vielsagend mit den Schultern. 
Historische Aufarbeitung und Dokumentation hin oder her - das eine oder  andere Geheimnis darf man doch für sich behalten. (GEA)

 


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