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Berichtsserie des

General - Anzeiger Reutlingen

Ausstellung - Geschichts- und Heimatverein dokumentiert Lebensläufe ausländischer Arbeitnehmer in Trochtelfingen

Zwischen Heimweh und Neubeginn

VON JOACHIM BAIER


TROCHTELFINGEN. Als erster türkischstämmiger Fasnetsprinz hatte Ömer Kaya im vergangenen Jahr in Trochtelfingen für Schlagzeilen gesorgt. »Die Leute haben mich super aufgenommen«, war er stolz über die besondere Auszeichnung. Ein ungewöhnliches Beispiel für eine gelungene Integration. Seine Familie allerdings, die 1971 ins Städtle gezogen war, erlebte damals keinen Bilderbuchstart und musste auch Enttäuschungen verkraften.

»Gastarbeiter und ausländische Arbeitnehmer - Neubeginn in Trochtelfingen«, so der Titel der Ausstellung des Geschichts- und Heimatvereins, ist ein Thema mit Licht- und Schattenseiten. Seit Ende der 50er-Jahre waren zahlreiche ausländische Arbeiter, angeworben von der boomenden deutschen Industrie, ins Land gekommen. Auch in Trochtelfingen waren sie gesucht. Noch heute leben viele Einwandererfamilien und ihre Nachkommen im Städtle.

24 Familien, acht Länder

Mit der Ausstellung dokumentiert der Geschichts- und Heimatverein die Lebensläufe von 24 Familien aus acht Ländern, die in Trochtelfingen eine neue Heimat fanden. Bereits im vergangenen Jahr war im Heimatmuseum eine viel beachtete Ausstellung zum Thema Integration gezeigt worden. Die neue Schau knüpft nun nahtlos an. Auch diesmal haben Bernhard Klingenstein, Vorsitzender des Vereins, und sein Team eine Menge Fotos, Karten, Unterlagen und Urkunden zusammengetragen. Durch diese Zeugnisse sowie persönliche Aussagen der Betroffenen oder ihrer Nachfahren ist es gelungen, ein aussagekräftiges Bild der Schicksale zu zeichnen.

Pietro Secundo Busato war der erste »Gastarbeiter«, der bereits im Jahr 1900 beim Bau der Eisenbahnstrecke zwischen Gammertingen und Engstingen Arbeit fand und sich in Trochtelfingen niederließ. Er heiratete 1908 Franziska Vogel und gründete eine Familie. Seine Nachfahren erinnern sich: »Er blieb für viele ein Fremder und hatte Heimweh.« Der nach seiner Auswanderung aus Italien staatenlose Busato wurde erst 1940 eingebürgert, als seine Söhne Johann Heinrich und Franz in der Wehrmacht dienten.

Die Nachfahren von Busato - inzwischen in der vierten Generation - leben immer noch im Städtle. »Inzwischen sind sie längst Trochtelfinger Bürger«, unterstreicht Bernhard Klingenstein und fasst zusammen, »von Ausnahmen abgesehen, haben sich die meisten ausländischen Arbeitnehmer gut zurechtgefunden, sie wurden integriert und fühlen sich inzwischen als Einheimische.«

Integration im Verein

Wichtiger Faktor für eine gelungene Integration sind insbesondere die örtlichen Vereine. Einwanderer, die sich hier engagierten, hatten es bedeutend leichter, Fuß zu fassen. Ein Beispiel ist Mustapha Assagour, der 1989 nach Trochtelfingen kam, eine Deutsche heiratete und in hier Arbeit fand. Als Mitglied der marokkanischen Fußballnationalmannschaft hatte er beim TSV Trochtelfingen schnell Anschluss gefunden und war bis 1996 Spielertrainer im Verein. Er beteuert, »durch den Fußball, durch die gute Aufnahme in die Familie meiner Frau und in die Bevölkerung fühle ich mich gut integriert«.

Die Dokumentation im Heimatmuseum wird am kommenden Sonntag, 21. Oktober, um 14 Uhr eröffnet. Zu sehen ist die Ausstellung, die voraussichtlich bis zum Sommer 2008 dauert, jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat zwischen 14 und 17 Uhr. Für das kommende Jahr ist eine weitere Schau zu dem Themenkomplex geplant. Titel: Auswanderer und Übersiedler. (GEA
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Trochtelfinger verschiedener Nationen berichten über ihr Leben in der Stadt.
Heute: die Griechen

»Die Älteren kriegen Heimweh«

VON JOACHIM BAIER

Griechen

An manche Dinge wird sich Alexandra Steiner in Deutschland nie gewöhnen: nasskaltes Klima und Pünktlichkeit. »Ich hasse die Pünktlichkeit«, sagt sie noch einmal, lacht und schiebt ein paar alte Fotos über den Tisch. Bilder aus den ersten Jahren nach ihrer Ankunft in Trochtelfingen. Über 44 Jahre sind vergangen, seit sie aus ihrer Heimatstadt Xanthi im Nordosten Griechenlands zur Hochzeit der älteren Schwester »als Touristin« auf die Alb kam.


Alexandra Papadopoulou blieb und fand Arbeit in der Fabrik. »Ich bin ganz schnell integriert worden«, blickt die 62-Jährige zurück. Wie zum Beweis tippt sie auf ein Foto aus dem Jahr 1964. Auf dem Bild posiert sie bereits als junge, fesche Trompeterin mit Nana-Mouskouri-Brille und Stadtkapellen-Uniform vor dem Trochtelfinger Rathaus. »Das erste Mädchen in der Kapelle!« Ein zweites Foto, ein Jahr später, zeigt sie als hübsche Braut im weißen Kleid mit ihrem Bräutigam Manfred Steiner in der Martinskirche vor dem Traualtar. Ein Traumstart.

»Heimat ist da, wo ich lebe«

Die Aufnahme in der neuen Wahlheimat sei gut gewesen. Sie erzählt, »ab 1965 fühlte ich mich recht wohl. Einzelne Vorbehalte gab es aber immer wieder«. Die Familie ist inzwischen gewachsen, sie hat eine Tochter, einen Sohn und vier Enkelkinder. Wenn da nicht das raue Albklima wäre und die Pünktlichkeit. »Ich würde gerne wieder zurück nach Griechenland, aber mein Mann will nicht«, bedauert sie und überlegt, wie sehr sie in Xanthi wohl die Enkel vermissen würde.

»Griechen sind immer in der Welt unterwegs. Man trifft sie überall! Aber wenn sie älter werden, kriegen sie öfters Heimweh«, hat Pavlos Amarantidis vollstes Verständnis. Er ist 37 Jahre alt und vom Heimweh bislang verschont. »Heimat ist da, wo ich lebe«, sieht er es sachlich und fügt hinzu, »seit ich in Trochtelfingen bin, geht es mir gut«.

Geboren im nordrheinwestfälischen Olpe, aufgewachsen in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, waren für Amarantidis, als er 1991 nach Trochtelfingen kam, die kleinstädtischen Verhältnisse fremd. Auch die neue Sprache fiel ihm anfangs nicht leicht. Auf der Alb fand er für seinen Neustart in Deutschland jedoch bessere Bedingungen als im Raum Köln, wohin er ursprünglich wollte. »Arbeiten und Geld verdienen waren damals wichtige Sachen«, erklärt er.

Er fand schnell eine »großzügige« Wohnung, Arbeit und konnte bald seine Verlobte Anastasia Kikli zu sich nach Trochtelfingen holen. Seit zwölf Jahren betreibt das Ehepaar die Gaststätte Silberburg. Die beiden Töchter, die vierzehnjährige Chresoula und die zehnjährige Maria, besuchen die Schule in Gammertingen.

Ist Trochtelfingen für ihn zur Heimat geworden? »Wir haben hier ein Leben aufgebaut. In Griechenland sind immer weniger Freunde«, antwortet er. Der Lebensmittelpunkt der Familie ist derzeit die Gaststätte, und Amarantidis schwärmt immer noch von der Fußball-Europameisterschaft 2004, als der Triumph seiner Landsleute in der Silberburg ausgiebig gefeiert worden war. Aber er weiß auch, »bis 65 Wirt sein, ist keine gute Idee«.

Nikolaus Stefanidis ist bereits seit zwölf Jahren in Rente und lebt noch immer in Trochtelfingen. »Hier ist meine erste Heimat«, betont er, »jetzt bin ich 75 und 44 Jahre lang da«. Mit Frau und Kind ist er damals auf der Suche nach Arbeit auf die Alb gekommen. Er erinnert sich, »als junger Mann hatte ich ein schlechtes Leben in Griechenland.« Schwierig sei für ihn der Beginn in Trochtelfingen nicht gewesen: »Ich hatte Verwandte da.« Über 33 Jahre hat Stefanidis dann bei der gleichen Firma gearbeitet, 22 Jahre als Vorarbeiter und Schichtführer.

Seine Wurzeln gründen längst auf der Alb. Der jüngste Sohn ist mit einer Deutschen verheiratet und nach Mägerkingen gezogen. Sein zweiter Sohn ist behindert und benötigt besondere medizinische Fürsorge und Hilfe von der Familie, auch das ist ein Grund, wenn der Rentner überzeugt ist, »meine Situation ist besser, wenn ich hier bleibe«. Nach Griechenland möchte er jedenfalls nicht zurückkehren, obwohl er dort ein Haus besitzt und seine Schwester dort lebt. Den Jahresurlaub allerdings, den verbringt er gerne in der alten Heimat. (GEA)

Trochtelfinger verschiedener Nationen berichten über ihr Leben in der Stadt.
Heute: die Serben

»Wir haben hier Fuß gefasst«

VON JOACHIM BAIER

Serben

Es war an einem Sonntag im Juli 1969, als Bela Cikos seine zweite Heimat fand. Er sei damals traurig gewesen, weil er seine Familie in Zrenynin im damaligen Jugoslawien zurücklassen musste, erinnert er sich. Aber die Ankunft in Stuttgart, wo ihn sein neuer Chef Alfred Brosch bereits am Bahnhof erwartete, und der herzliche Empfang mit warmem Mittagessen an der neuen Arbeitsstelle auf der Haid, halfen den Trennungsschmerz zu lindern. Und außerdem sollte er ja nicht lange alleine bleiben.


Vom Fleiß seines neuen Schreiners beeindruckt, beschloss Brosch nur anderthalb Monate später gemeinsam mit Bela Cikos nach Jugoslawien zu fahren, um weitere Leute für den Familienbetrieb anzuheuern, darunter auch Anna Cikos, Belas Frau. Ihre damals 2-jährige Tochter Erika mussten sie zunächst bei der Großfamilie in Jugoslawien zurücklassen. »Das war blauäugig von mir, an die Konsequenzen hab ich nicht gedacht«, gesteht Anna Cikos, die ihre Tochter damals doch sehr vermisste.

»Wenn wir über den Urlaub reden, sagen wir immer, wir fahren nach Hause«

Weihnachten 1969 fuhren das Ehepaar Cikos und Brosch ein weiteres Mal nach Jugoslawien - der Bedarf an Arbeitskräften war immer noch nicht gedeckt. »Wir haben gesagt, wenn wir Erika nicht mitnehmen dürfen, kommen wir auch nicht mehr mit zurück«, erzählt Anna Cikos. Sie durften. Und die Familienzusammenführung war vollends perfekt, als auch Belas Bruder Janos Cikos und dessen Familie Fahrkarten nach Deutschland erhielten.

»Wir haben schaffen können, wir haben eine gute Stelle bekommen und wir waren sehr dankbar«, betont Anna Cikos. Zwei Jahre später kamen weitere Angehörige nach, und die Schreinerei auf der Haid wurde für die Großfamilie zum gemeinsamen Lebensmittelpunkt, zumal sie in den ersten Jahren alle auch im Hause Brosch wohnten. Anna Cikos schwärmt, »die Chefin war wie eine Oma für unsere Kinder«.

Ein Einstand nach Maß für die serbische Familie, die Trochtelfingen längst als zweite Heimat betrachtet. »Wir haben hier Fuß gefasst«, erklärt Anna Cikos, für die eine Rückkehr nach Serbien nicht mehr in Frage kommt. »Wir haben hier noch nie Integrations-Probleme gehabt. Wir haben uns angepasst, schnell Deutsch gelernt und unser Bekanntenkreis ist immer größer geworden«, bekräftigt der 62-jährige Bela Cikos und fügt hinzu, »bis heute kann ich mich nicht beklagen«.

Die beiden Cikos-Brüder besitzen mittlerweile jeder ein eigenes Haus in Trochtelfingen. Ihre Kinder, die alle deutsche Pässe haben, gründeten eigene Familien und schon wächst die Enkel-Generation heran. Der 65-jährige Janos Cikos genießt seit einigen Jahren das Rentnerdasein: »Wir sehen uns jeden Sonntag zum Frühschoppen«, ist er stolz über den starken Zusammenhalt der Verwandtschaft.

Trochtelfingen sei seine zweite Heimat geworden, erklärt Bela Cikos. Aber er gibt zu, dass es ihn doch immer wieder nach Serbien zurückziehe. Jedes Jahr besucht die Großfamilie im Sommer für zwei bis drei Wochen Freunde und Verwandte in Zrenynin. »Wenn wir über den Urlaub reden, sagen wir immer, wir fahren nach Hause«, meint Anna Cikos.

Mit Schrecken erinnern sich die Cikos an den Balkankrieg, als sie zwischen 1990 und 1994 fast gar keinen Kontakt zur alten Heimat hatten. »Wir fühlten uns so ohnmächtig und so hilflos, weil noch viele Freunde und Verwandte dort waren«, schildert Anna Cikos die schwere Zeit. Zum Glück blieb ihr Heimatort von Kriegsfolgen weitgehend verschont.

In Trochtelfingen sei es unter den verschiedenen Nationen aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht zu Spannungen gekommen, beteuert Bela Cikos. »Wir haben uns als ein Teil von vielen gefühlt, Jugoslawien war schließlich ein Vielvölkerstaat.« Der Krieg habe für sie am Verhältnis zu anderen Volksgruppen nichts geändert, erklärt seine Frau und betont, »wir leben in einem Land, in dem man sich anpassen und nicht gegeneinander Krieg führen sollte«. (GEA
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Trochtelfinger verschiedener Nationen berichten über ihr Leben in der Stadt.
Heute: die Italiener

»Ausländer in der eigenen Heimat«

VON JOACHIM BAIER

Italiener

 

Pietro Busato ist in seiner Wahlheimat Trochtelfingen wohl nicht glücklich geworden. Bereits im Jahr 1900 war der aus Lonigo in Italien stammende Gleisarbeiter hierher gekommen, angeheuert, wie viele seiner Landsleute, für den Eisenbahnbau von Gammertingen nach Engstingen. Er war einer der Wenigen, die blieben. Er heiratete 1908 eine Deutsche und gründete eine Familie - Italien sollte er niemals wiedersehen.


Busato sei wegen seiner eigentümlichen Aussprache und seines auffälligen Akzents regelmäßig veräppelt worden, bedauert Ilse Hotz, die Enkelin des ersten »Gastarbeiters« im Städtle. Sie erzählt, wie unter den Einheimischen seine radebrechenden Sprüche kursierten und sich hielten wie zähe Vorurteile. Bei den Nachbarn sei er allerdings beliebt gewesen, weil er sehr hilfsbereit war. Aus ihrer Kindheit hat sie ihren Großvater als »Respekt einflößenden Mann« in Erinnerung und ist überzeugt, »die Strenge war wohl sein Schutzschild«.

Durch seine Auswanderung und die Hochzeit mit der aus Siegen stammenden Franziska Vogel war Busato nach damaligen Gesetzen ein Staatenloser geworden. Und auch seine Söhne Johann und Franz bekamen zunächst keinen Pass. Als die beiden Brüder jedoch alt genug waren, meldeten sie sich freiwillig zur Wehrmacht und wurden eingebürgert. Auch Busato hielt 1940 das begehrte Dokument in Händen. 1955 starb er in Trochtelfingen. »Er hat sich ein Leben lang hier als Fremder gefühlt«, ist Ilse Hotz sicher.

Libera D'Aloia und ihre Schwester Enza Franceschini finden die Geschichte vom alten Busato ganz schön traurig. »Früher hieß es Gastarbeiter, heute sind wir Ausländer in der eigenen Heimat«, meint Enza Franceschini und fügt hinzu: »Gut integrierte Ausländer, aber immer Ausländer«.

»Er hat sich sein Leben lang hier als Fremder gefühlt«

Ihr Vater, der aus Apulien stammende Francesco Di Stefano, war 1960 nach Deutschland gekommen, hatte die Familie nachgeholt, war aber wieder nach Italien zurückgekehrt. Die Töchter haben sich dauerhaft für Deutschland entschieden und es gefällt ihnen in Trochtelfingen. »Unsere Kinder sind hier geboren und leben hier«, meint Enza Franceschini. Ihre Schwester ergänzt, »ich habe mich gut eingelebt, es gibt keine Probleme, ich bin seit fast 30 Jahren im Betrieb«.

Trochtelfingen sei ihre erste Heimat, betont Libera D'Aloia, weil sie von Italien bis auf zwei, drei Wochen Urlaub im Jahr ohnehin nicht viel mitbekomme. »Ich fühle mich als Deutsche mit italienischen Wurzeln.« Ihre Schwester nickt: »Hier sind wir und in dem Ambiente fühlen wir uns wohl«. Beide haben ihren italienischen Pass behalten, obwohl sie nicht vorhaben, später dorthin zurückzukehren. Aber beide Schwestern betonen ganz selbstverständlich: »Wir sind stolz, dass wir Italiener sind.«

Guero Ciotti hatte 1960 genug von seinem Heimatort Ascoli. Arbeitssuche und Fernweh zogen den gelernten Schreiner zunächst nach Rom zu seinem Bruder und später nach Deutschland. Seine erste Unterkunft in Unterhausen war ein Quartier für zwölf Gastarbeiter. Alles Landsleute, jeweils drei teilten sich ein Zimmer. »Ich hab kein Wort Deutsch gesprochen«, gesteht Ciotti.

Nachdem er Maria Weisser, seine spätere Frau, in Trochtelfingen beim Tanz kennengelernt hatte, zog er 1962 ins Städtle. Und dort gefiel es dem sonnenverwöhnten Italiener weitaus besser, als im schattigen Tal am Albrand. »In Trochtelfingen fühle ich mich wohl, hier bin ich sehr gut aufgenommen«, betont der 68-Jährige, der sich über Fußballverein, Fanfarenzug und Feuerwehr im Lauf der Jahre viele Beziehungen und Freundschaften aufgebaut hat.

Eine Rückkehr nach Italien kann sich der Rentner »vorläufig« nicht vorstellen. Zwar fahre er jedes Jahr seine Familie in Ascoli besuchen, aber in Trochtelfingen fühle er sich wohler, beteuert Ciotti. »Hier hab ich alles.«

Dann erzählt er, dass er als junger Mann nach Deutschland gekommen sei, um Geld für einen Fiat 500 zu verdienen. Vergnügt fügt er hinzu: »Jetzt fahre ich einen Daimler«. (GEA)

Einwanderer-Familien in Trochtelfingen berichten
Multikulturelles Miteinander ist vielerorts alltäglich. Zahlreiche Einwanderer-Familien leben bereits in der dritten oder vierten Generation in Deutschland. Der Trochtelfinger Geschichts- und Heimatverein hat die Schicksale von 24 in der Stadt lebenden Einwanderer-Familien mit einer Ausstellung dokumentiert, die an jedem zweiten und vierten Sonntag im Monat zwischen 14 und 17 Uhr im Heimatmuseum zu sehen ist. Nächster Öffnungstag ist am Sonntag, 9. März. Begleitend zur Ausstellung »Neubeginn in Trochtelfingen« kommen in dieser GEA-Serie einmal im Monat Vertreter aus acht Nationen zu Wort und berichten von ihren Erfahrungen zwischen Integration und Alltagsleben - in dieser dritten Folge Familien aus Italien.
(joba)

Trochtelfinger verschiedener Nationen berichten über ihr Leben in der Stadt.
Heute: die Türken

»Muss den ersten Schritt selbst tun«

VON JOACHIM BAIER

Tuerken

Dr. Nurhan Sidal ist Zahnärztin und führt eine Praxis mitten im Herzen Trochtelfingens. Seit 29 Jahren lebt sie in der Stadt und fühlt sich wohl. Humorvoll, charmant, offen, neugierig - wer das Vergnügen hat, die Türkin kennen zu lernen, ist schnell beeindruckt. Die Frage nach Integration hat sich wohl erübrigt, so selbstverständlich, so verankert steht diese Frau ihn ihrem »deutschen« Alltag. Und sie ist überzeugt: »Wenn ich als Ausländerin entscheide, in einem anderen Land zu leben, muss ich den ersten Schritt selbst tun - dann entsteht die Verbindung.«


Geboren ist Nurhan Sidal in Gaziantep, einer Provinzhauptstadt in der Südosttürkei. Die 56-Jährige stammt aus einer Akademikerfamilie und ist ausgesprochen westlich geprägt. In den frühen Siebzigerjahren hatte sie als junge Zahnärztin beschlossen, nach Deutschland zu gehen, um sich beruflich weiterzubilden. Der erste Schritt war ein Sprachstudium, ein Jahr später, 1975, begann sie bei Ravensburg als Zahnärztin zu arbeiten.

»Sprache ist ganz elementar«, findet Nurhan Sidal. Die erste Generation der Gastarbeiter, die nach Deutschland geholt wurde, habe oft nicht die Chance gehabt, richtig Deutsch zu lernen, bemängelt die Ärztin. »Da hat früher oft Hilfe gefehlt, und das ist die Ursache für viele der heutigen Problemfälle.«

»Es ist wichtig, Gemeinsamkeiten zu schaffen«

1965 ist Seyyare Ibinli aus der Provinz Aydin im Westen der Türkei nach Trochtelfingen gekommen. »Ich konnte keine Sprache, war eine Fremde«, erinnert sie sich. Deutschkurs gab's keinen, sie lernte die Sprache nebenher am Arbeitsplatz. Aber sie ist trotzdem ganz gut damit zurechtgekommen. »Trochtelfingen ist auf jeden Fall meine Heimat«, sagt die Türkin. Tochter Gülsüm Ibinli und Enkelin Funda Tabak-Mandok stimmten ganz entschieden zu - auch Urenkelin Tabea Carla sitzt ganz zufrieden auf dem Arm ihrer Mama.

Die vierte Generation der Familie Ibinli lebt inzwischen in Trochtelfingen, und vieles ist selbstverständlich geworden. »Wir haben uns hier alles selbst aufgebaut«, betont Gülsüm Ibinli. Von Vorurteilen der Deutschen können die Frauen nichts Außergewöhnliches berichten. »Hier fühl ich mich wohl und geborgen«, meint die 24-jährige Funda Tabak-Mandok, »wenn ich drüben in der Türkei bin, ist das eigentlich nur Urlaub«.

Die Familie Kahya kann sich auch keine andere Heimat als Trochtelfingen vorstellen. »Ich bin jetzt deutsch«, bekennt der 64-jährige Sabri Kahya. Seine Frau Sevgi nickt zustimmend. Kahya kam 1971 alleine nach Deutschland, arbeitete in Bad Oeynhausen, in Stuttgart und später in Trochtelfingen. Seine Familie holte er 1976 nach.

Mittlerweile ist Kahya Rentner, und manchmal vermisst er die Anerkennung, die er sich als langjähriger Berufstätiger in Deutschland, als Steuerzahler, als Mitbürger eigentlich verdient hätte. Sevgi Kahya wünscht, sie könnten mehr Deutsche besser kennen lernen, »weil wir für immer hier leben wollen«. Tochter Ayse erklärt, »als Türkin spüre ich immer noch Vorurteile«. Sie betont, »trotzdem fühle ich mich hier daheim«.

Ömer Kahya, der älteste Sohn der Familie, die ursprünglich aus Kayseri stammt, war vor zwei Jahren der erste türkischstämmige Fasnetsprinz in der Stadt. Auch Nurhan Sidal war früher als Hästrägerin beim Narrenverein aktiv. »Ich war die erste türkisch-allemannische Hexe, die auf der Straße rumgesprungen ist«, formuliert sie und lacht.

Mit ihrer ursprünglichen Heimat verbindet Nurhan Sidal zwar mehr als nur nostalgische Gefühle, dennoch sagt sie ganz deutlich, »ich bin in Trochtelfingen mehr zuhause als in der Türkei«. Inzwischen kann sich die »Weltbürgerin« sogar eine dritte Heimat vorstellen. Italien wäre ein Ziel für später.

Die Ärztin ist Beispiel für eine gelungene, weil auch von ihrer Seite aktiv gelebte Integration. Sie ist sicher, vielen ihrer Landsleute könnte es in Deutschland besser gehen, wenn sie mehr Unterstützung und Förderung bekämen. Ideen hat sie genug: Kunst- und Theater-Projekte für Jugendliche oder türkisch-deutsche Feste. »Warum nicht einmal miteinander Ramadan feiern?« Nurhan Sidal glaubt, »es ist wichtig, Gemeinsamkeiten zu schaffen! Ausländische Mitbürger sollten das Gefühl haben, es wächst was und es gehört auch uns«. (GEA)

 

Trochtelfinger verschiedener Nationen berichten über Leben in der Stadt.
Heute: Slowenen und Kroaten

»Neustart mit vielen guten Chancen«

VON JOACHIM BAIER

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Dr. Srebrenka Lau-Rastic ist aus Liebe zum Beruf nach Deutschland gekommen. »Ich hab immer gesehen, wie mein Vater mit seinen Zangen, Spritzen und Fläschchen hantiert hat.« Schon früh war klar, sie wollte ebenfalls Zahnärztin werden. Nach dem Studium in Zagreb drohte der Traum von einer eigenen Praxis zu platzen. »Ich hatte keine Möglichkeit, mir dort eine Stelle zu beschaffen«, erzählt sie. »Ich war arbeitslos, hab gekocht und geweint.«


Aber Srebrenka Lau-Rastic ist nicht der Typ Frau, der sich weinend hinterm Herd vergräbt. Sie wagte einen Neubeginn und kam am 1. April 1978 nach Deutschland. Ihre erste Station war Gammertingen. Deutsch hatte sie im Gymnasium als Fremdsprache gehabt. »Sprechen, schreiben, lesen, das war kein Problem.« Allerdings bereitete ihr das Schwäbische anfangs Mühe. Und sie hatte Heimweh, nach der Familie, nach der Großstadt. Aber schon ein Jahr später kam ihr Mann Jelenko Rastic auf die Alb.

Nach Veränderung gesehnt

Der gelernte Journalist und Diplom-Volkswirt hatte sich ebenfalls nach einer Veränderung gesehnt. Während er als freier Fotograf arbeitete, war sie weiterhin als Assistenzärztin tätig. Genau sechs Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland erfüllte sich endlich der Traum von der eigenen Praxis. Die Kassen-Niederlassung galt für Trochtelfingen und seit dem 1. April 1984 wohnt das Ehepaar im Städtle.

Beide fühlen sich heimisch und inzwischen ausgesprochen wohl im ländlichen Umfeld. »Ich bin jetzt insgesamt 30 Jahre in Deutschland, es waren schöne Berufsjahre«, resümiert die Zahnärztin. »Ich habe hier ein eigenes Heim und meine Praxis. Hier bin ich zu Hause.« Srebrenka Lau-Rastic betont, dass sie voll integriert sei, und ist stolz, dass sie in den Pfarrgemeinderat gewählt wurde. Auch Jelenko Rastic fühlt sich zugehörig - mit einer Einschränkung: »Ich kann alles außer Schwäbisch.«

Nevenka Kleiner, geborene Ladinik, hat sich als junge Frau in Deutschland ebenfalls eine bessere Zukunft vorstellen können als im früheren Jugoslawien. Ihre Tante Anna Topler hatte ihr zur Übersiedlung geraten. 1965 ist die Slowenin nach Trochtelfingen gekommen: »Meinen 16. Geburtstag hab ich schon hier gefeiert.« Sie fühlte sich sofort wohl und wollte für immer bleiben. Sie besaß sogar den deutschen Pass, da ihr Vater früher in der Wehrmacht gedient hatte und eingebürgert war.

Drei Jahre später heiratete sie Felix Kleiner und bekam 1969 ihre erste Tochter, Ulrike. Fünf Jahre darauf wurde die zweite Tochter Yvonne geboren. Sie sei durch die Familie ihres Mannes sehr schnell integriert gewesen, unterstreicht Nevenka Kleiner. Ist Trochtelfingen ihre Heimat? »Klar, schon«, antwortet sie ganz selbstverständlich. Auch für ihre Tochter Ulrike Strano, die inzwischen selbst zwei Kinder hat, Laura und Luka, ist das gar keine Frage. »Wir waren nie woanders«, sagt sie und erklärt, dass alle aus ihrer Familie deutsche Pässe haben.

Der »Bubu« wäre beinahe bei der Einladung für die Presse-Runde vergessen worden. Trochtelfinger durch und durch, ist Integration für ihn eigentlich eine abgeschlossene Geschichte. Seit fünfzig Jahren lebt Zdravko Topler, der Cousin von Nevenka Kleiner, im Städtle. Als »Flüchtling« sei er nach Deutschland gekommen, erklärt der 56-jährige gebürtige Slowene. Heute würde ihn jeder für einen »waschechten« Trochtelfinger halten. »Ich bin schon eingeschwäbelt.« Neben vielen anderen Vereinsaktivitäten ist er seit dreißig Jahren in der Bürgerwehr - da gehört man einfach dazu. (GEA)

Gesellschaft - Trochtelfinger verschiedener Nationen berichten über ihr Leben in der Stadt.
Heute: die Spanier

»Ein völlig anderer Lebensrhythmus«

VON JOACHIM BAIER

spanier

Irene Dreher hat ihren Schwiegervater als einen schönen, gutmütigen und prinzipientreuen Mann in Erinnerung. Bereits mit 17 Jahren hatte sich Rodriguez Manuel Lemus den spanischen Republikanern angeschlossen, um gegen die Faschisten zu kämpfen. Nach dem Sieg von General Franco 1939 war Lemus wie viele andere Republikaner zunächst nach Frankreich geflohen, jedoch später in seine Heimat zurückgekehrt. Er blieb ein Gegner des Regimes, sehnte sich nach politischer Freiheit und besseren wirtschaftlichen Bedingungen. Aber erst mit 41 Jahren sah er die Chance auf einen Neubeginn in Deutschland.
Im Sommer 1962 kam Lemus nach Trochtelfingen. Frühere Nachbarn aus Tarrasa, seiner Heimatstadt in Katalonien, lebten bereits seit einiger Zeit auf der Alb und nahmen ihn bereitwillig auf. Er fand Arbeit und ein Jahr später konnte er seine Frau Carmen und seinen elfjährigen Sohn Manuel nachkommen lassen. »Sie sind hier sehr gut aufgenommen worden«, erzählt Irene Dreher. Der kleine Manuel, ihr späterer Mann, habe in der Schule schnell Anschluss gefunden. Allerdings habe es ein Jahr gedauert, bis er die für ihn neue Sprache beherrschte.

»Das Heimweh ist schon viel weniger geworden«

Ihre spanischen Schwiegereltern, beide 1991 gestorben, hätten sich nach und nach an das Leben in Deutschland gewöhnt und sich in Trochtelfingen wohl gefühlt, beteuert Irene Dreher. »Sie haben beide Länder geliebt.« Manuel Junior begann nach der Schule eine Ausbildung als Automechaniker. 1991 heirateten er und Irene Dreher, lebten bis zum Tod von Manuel 1995 in Hörschwag, dann zog die Witwe nach Trochtelfingen. Ihr Mann sei voll integriert gewesen, meint sie, fügt aber hinzu, »er hat sich auch immer als Spanier gefühlt und seinen spanischen Pass behalten«.

Für Anna Kostka, geborene Soto Hevilla, waren die politischen Verhältnisse und die wirtschaftliche Not in ihrer Heimat ebenfalls Gründe für eine Übersiedlung nach Deutschland. In ihrem Heimatort Malaga hatte sie als Oliven- oder Orangenpflückerin und als Kindermädchen bei einer deutschen Familie gearbeitet. Als die Familie 1963 wieder nach Deutschland zurückkehrte und ihr anbot, mitzukommen, musste die damals 21-Jährige nicht lange überlegen: »Ich hatte keine Arbeit, da war es besser nach Deutschland zu gehen.«

Kurz nach ihrer Ankunft in Trochtelfingen befreundete sich Anna Kostka mit der Familie Lemus und fand auch sonst schnell Anschluss in der neuen Heimat. An das kühle Klima und die so wenig temperamentvollen Deutschen hat sich die Spanierin allerdings erst gewöhnen müssen: »Am Anfang hab ich gedacht, wo bin ich nur gelandet?« Im Jahr 1967 heiratete sie Wolfgang Kostka - das Ehepaar hat inzwischen drei Töchter und acht Enkelkinder. Die Kälte mache ihr immer noch zu schaffen, räumt die gebürtige Andalusierin ein, aber an die Mentalität hierzulande hat sie sich mittlerweile gewöhnt. Sie erzählt schmunzelnd, wie sie von ihrer Familie und Freunden in Spanien immer als »die Deutsche« begrüßt wird. »Manchmal habe ich noch ein bisschen Heimweh nach Spanien«, meint Anna Kostka, »aber das ist schon viel weniger geworden als früher«.

Maria-Celestina Jordana-Boppenmaier ist bereits als Vierjährige 1969 mit ihren Eltern und drei Geschwistern nach Reutlingen gekommen. Schon früh machte sie die Erfahrung, »es ist ein völlig anderer Lebensrhythmus hier.« Aber das späte Essen - 22 Uhr oder später ist in Spanien die übliche Zeit fürs Familienmahl - und den Trubel auf den Strassen vermisst sie inzwischen nicht mehr.

Auch sie heiratete einen Deutschen und hat mittlerweile einen Sohn. Mit ihrer Familie lebt die 42-Jährige seit 1989 in Trochtelfingen. Nicht sie, sondern ihr Mann würde gerne nach Spanien ziehen. Für die Wahl-Trochtelfingerin reichen zwei Wochen Urlaub in der alten Heimat völlig aus. »Vier Wochen wären schon zu viel«, meint sie und erklärt, »ich bin ruhiger geworden und kann den Trubel einfach nicht mehr gebrauchen«. (GEA)
 

Gesellschaft - Trochtelfinger verschiedener Nationen berichten Älber ihr Leben in der Stadt.
Heute: ein Marokkaner

»Fußball hat den Weg erleichtert«

VON JOACHIM BAIER

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Das ist doch Berti Vogts da auf dem Foto. Richtig. Mustapha Assagour lächelt und holt das Bild vorsichtig aus dem Album. 1984 hatte er den damaligen Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft in einem Hotel in Doha getroffen. Assagour war damals 23 und spielte in der marokkanischen Juniorenauswahl. Die Goldmedaille von dem Turnier im Emirat Katar hält er in Ehren, so wie seine vielen anderen Sport-Trophäen. »Fußball«, sagt Assagour, »hat den Weg für mich erleichtert«.
Etwas Bedauern schwingt trotzdem mit, wenn der gebürtige Marokkaner von seiner Glanzzeit als Fußballer spricht. Sein Traum von einer Karriere hat sich leider nicht erfüllt.
Er wäre Mitte der 80er-Jahre allzu gerne zu einem Proficlub in Belgien, Deutschland oder in der Schweiz gegangen, allein sein Heimatverein in Agadir verhinderte hartnäckig die Freigabe.
Aber das Glück liegt nicht allein im Fußball.

»Ich hab' mir gesagt, geh' schaffa, spiel' Fußball vor Ort«

1987 lernte der talentierte Sportler und gelernte Reisebürokaufmann die Trochtelfingerin Esther Niedermeier kennen, die in Marokko ihren Urlaub verbrachte. Aus der Ferienbekanntschaft wurde bald eine intensive Fernbeziehung. Sie reiste noch mehrmals zu ihm nach Agadir. Als Assagour 1989 zum ersten Mal auf die Alb zu Besuch kam, hatte er ein Touristenvisum für drei Monate in der Tasche. Eine neuerliche Trennung brachten die beiden Verliebten allerdings nicht übers Herz. »Es gab nur zwei Möglichkeiten: Raus aus Deutschland. Oder Heiraten.« Sie entschlossen sich für Letzeres. Halt und Unterstützung in der neuen Heimat fand der Neu-Trochtelfinger bei der Familie seiner Frau, bei der die Frischverheirateten zunächst wohnten. »Es war auch wichtig, dass ich die Sprache lernte«, unterstreicht Assagour, der bereits vor seinem ersten Besuch hier an einer Abendschule in Agadir Deutschkurse belegt hatte.

»Ich konnte nur raus aus Deutschland - oder heiraten«

Als guter Fußballer war Assagour in Trochtelfingen hochwillkommen.
Zunächst hatte er beim SSV Reutlingen, der damals in der Oberliga spielte, ein Probetraining absolviert.
Aber auch für die Oberliga bekam der Mittelfeldspieler keine Freigabe vom marokkanischen Fußballverband.
Pech, aber kein wirkliches Problem: »Ich hab mir gesagt, geh schaffa, spiel Fußball vor Ort.
Ich brauche mich nicht mehr zu beweisen.« Statt mit Fußball verdiente er sein Geld als Arbeiter in einer Trochtelfinger Firma, wo er immer noch tätig ist.
Der Württembergische Fußballverband erlässte ihn schließlich von seiner Spielsperre und er bekam die Freigabe für die Amateurligen.
Assagour wurde Spielertrainer beim TSV Trochtelfingen und schaffte in seiner aktiven Zeit mit der Mannschaft zwei Aufstiege bis in die Bezirksliga.
Beim TSV sei er von der ersten Minute an herzlich aufgenommen worden, schwärmt er und ist überzeugt, »ich werde immer einen guten Kontakt zu den Leuten haben«.

Mustapha Assagour sitzt zufrieden mit seiner Frau Esther und den beiden Töchtern Sara und Malika im Garten. Das Häuschen gehört dem Ehepaar bereits seit 17 Jahren.
Assagour liebt die Ruhe hier - er meint, er sei als Familienvater ebenfalls ruhiger geworden.
Er hat viele Freunde und Bekannte in der Stadt. Er spricht fließend Deutsch, kann sogar schwäbisch. »Ja«, sagt er, »ich fühle mich ganz gut hier, sonst wäre ich schon lange weg«.

Assagour ist inzwischen 47, seit 1995 besitzt er einen deutschen Pass. Er bestätigt, dass Trochtelfingen für ihn nach fast 20 Jahren schon zur Heimat geworden ist. Dennoch will er seine Wurzeln nicht vergessen. Und den geliebten Fußball natürlich auch nicht.
Demnächst will er beim TSV Pfronstetten-Wilsingen als neuer Trainer anfangen. (GEA)

 


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